Berliner Polarnacht 13./14.01.12 - 50km Wandern, Nachtstrecke

Sooo bin ich mich nach einem Marathon nie nie nie gehumpelt. Meine Schwägerin, bei der wir um 7:30 Uhr unsere Hündin abholen, wiederholt mehrfach: “Ihr tut mir so leid, ach, ihr tut mir so leid.“  Ja, wir erregen Mitleid.

 

Es ist nicht nur die dicke Blutblase an der linken Ferse. Irgendwas ist auch unterm Ballen und am rechten zweiten Zeh. Und das Anheben der Beine, na ja, will auch nicht recht.

 

Das kommt daher, wenn man 50 km wandert. Einfach so. Für einen Marathon trainiert man wochenlang. Hier - nichts.

 

Und die allermeisten, die sich gestern, am 13.01.12, um 20h auf den Weg von Berlin-Buch nach Falkensee machten, sind noch immer unterwegs. Sie dürften jetzt um 12:30 Uhr beim km 70 sein. Sie wollen die 100km wandern. Und alle haben es schon mal getan. Sie sammeln die 100er Wanderungen wie unserereins die Marathons.

 

Bernd und ich waren mit zwei Läuferinnen aus unserer Internet-Community, der Radiergummiliga, unterwegs. Katrin war im Rahmen der Polarnacht schon 2x die 50km gewandert, wir anderen waren ganz neu.

 

Die ersten zwei Stunden waren leicht. Wir starteten in  einem Tempo von 10 Min/km. Dann  fingen die Knie an zu muckern. Hab ich fast nicht gemerkt, es war ja so spannend, was die anderen Wanderer zu erzählten. Zwei kamen sogar aus Dänemark angereist. Andere aus Hamburg und Sachsen. Dann wurden die Schuhe langsam eng. Vorn war irgendwie nicht mehr genug Platz…  Und ein Tempo hatten sie drauf!

 

Der Wanderleiter hatte alles minutiös vorgeplant. Die Strecke und wann wie lange Pause gemacht wurde. War die Pausenzeit um, ging es gnadenlos weiter. Inzwischen freuten sich alle auf McDonalds in Glienicke, wo es 40 min Pause gab. Die Ankunft war gegen Mitternacht geplant, ach, das war noch soo lange. Ich wurde stiller. Versuchte, am Vordermann dran zu bleiben.

 

Endlich McDo! Dass ich da mal derart freudig einkehren würde! Es war voll. Wir mussten anstehen. Wie gut die Cola tat. Und selbst der Burger - ein Genuss! Wir hatten nun 4 Stunden und 21 km hinter uns. Die Pause war viel zu schnell vorbei.

 

Man musste so konzentriert bleiben, denn die Strecke führte auch durch Wald und auf dem Berliner Mauerweg entlang und da gab es massenweise Unebenheiten, Wurzeln, Löcher, aufgeworfenen Asphalt… Langsam verging ein Kilometer nach dem anderen. Die Knie wurden besser, die Zehen, die immer anstießen, schlimmer. Ich dachte, unter der linken Ferse meldet sich der Fersenporn. War aber sehr froh, als ich irgendwann später mitbekam, dass es nur eine schöne dicke Blutblase ist. Na ja, die heilt ja viel schneller.

 

Die anderen waren nun auch ruhiger. Nur noch vereinzelt Gespräche, nicht mehr das muntere Schnattern vom Anfang. Aber ein Tempo war das! Auch wenn es jetzt 11 oder 12 Min/km waren, ich musste mich immer anstrengen. Ich hatte nun auf Durchhaltemodus geschaltet. Manchmal musste ich ein bisschen abreißen lassen, kam aber immer wieder ran. Auch bei zwei, drei anderen hatten sich wohl länger schon Probleme angekündigt und sie lagen hinten.

 

Später ging es dann für lange Zeit auch wieder besser.

 

Ein Lichtblick war die Verpflegungsstation am Eiskeller (ein Berliner Kältepunkt), an dem traditionell auch die Temperatur gemessen wurde. Es war so um 4:30 Uhr minus ein Grad. Es gab Kannen mit Tee und Kaffee, die ein toller Helfer dort hingebracht hatte. Am einem Samstag um 4:30 Uhr mitten im Wald!

 

Nun waren es auch “nur” noch ca. 7km zum Ziel, aber wandere mal 7km, wenn du kaum noch kannst!

 

Toll, dass Uta bis zum Ziel durchhielt, sie hatte auch schon längere Zeit Probleme. Viel später stellte sich heraus, dass Uta eine Urtikaria (Rotlauf) hatte, einhergehend mit Schwellungen, Rötungen und Pusteln, sehr schmerzhaft.

 

In Falkensee mussten wir auch wieder abreissen lassen und holten die Gruppe auch nicht mehr ein. Der Wanderer vor uns hatte seine Vorgeher auch aus den Augen verloren und so liefen wir in Falkensee zum Bahnhof, wie wir es eben wussten. Dabei liefen wir eine Schleife nicht mit und standen dann glücklich am Bahnhof, wussten aber nicht, wo das geplante Frühstück stattfinden sollte. Da erst bogen die anderen um die Ecke. Ha! Überholen ohne einzuholen, das alte DDR-Motto hatten wir super umgesetzt! Um 6:10 Uhr waren wir dann am Bistro - geplant war 6:30 Uhr! Wenn das nicht toll ist!

 

Wir erhielten eine Urkunde für die Teilnahme und verabschiedeten uns, um unsere Hündin abzuholen. Ja, und nun erregen wir Mitleid. Aber als erfahrene Marathonis wissen wir ja: der Schmerz geht, aber der Stolz bleibt!

 

Insgesamt muss ich mich aber doch über die Veranstaltung etwas wundern. Ich hörte ja dort von anderen, dass sie diesen Sport so gut finden, weil man als Gruppe unterwegs ist und nicht als Konkurrenz (wie es beim Laufen ist). Im Laufe der Nacht hatte ich einen etwas anderen Eindruck. Bei jeder Rast besetzten die Ersten sofort die verfügbaren Plätze, für die hinteren -schwächeren- war es dann Glück, ob sich noch ein Platz fand. Ich kann ja verstehen, dass man sich setzt, wenn man ankommt - aber es gab so gar keinen Gedanken an die anderen. Der Wanderleiter zählte zwar hin und wieder die Schäfchen, aber dass keines verlorenging, war dann doch eher Zufall. Wir haben uns zu viert ja etwas organisiert, um den Anschluss und damit die Route nicht zu verlieren. Was ist aber, wenn ein Einzelgänger hinten ist? Stürzt? Im stockfinsteren Wald? Ohne Orientierung? Ich meine immer, dass zunächst mal jeder für sich verantwortlich ist. Aber wenn ich nachts auf so einer langen Strecke in der Gruppe in den Wald eile, würde ich schon erwarten, dass die Gruppe auch Gruppe bleibt. Noch dazu, wo wir 20 Min vor der geplanten Zeit am Ziel waren. Wäre ja gar nicht nötig gewesen, so vorauszurennen.

Unter Läufern kenne ich sowas gar nicht. Vielleicht bin ich auch immer so weit hinten, dass der Konkurrenzgedanke nicht mehr vorhanden ist. Als wir auf der chinesischen Mauer liefen und Bernd bei ca. km 33 starke Krämpfe hatte, hielten andere an, um ihn zu massieren. Als er dann weiter lief, traf er auf einen Läufer, der nicht mehr konnte. Den schleppte er ab bis zum nächsten Schattenplatz und gab ihm sein Wasser. Trotz Wettkampf und Zeitmessung.

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© berlin-runner Katrin