100 Meilen von Berlin - Berliner Mauerlauf 16./17.08.14

Jetzt im Nachhinein merke ich erst so richtig, wie sehr mich das Wochenende noch beschäftigt. Nun ist ein Bericht herausgesprudelt, für dessen Länge ich mich entschuldige.

 

Es ging los mit der Organisation der Staffel, die nicht ganz einfach war. Erstes Problem, dass wir nicht die geforderten mindestens 10 Läufer zusammenbekamen. Aber Thomas und Steffen konnten glücklicherweise helfen und Kerstin und Regina motivieren, in der Staffel mitzulaufen.

 

Dann war die Reihenfolge und Streckenlänge der Läufer einzuteilen. Wir wollten möglichst die Wünsche aller und die Möglichkeit der An- und Abfahrten zu den Wechselpunkten berücksichtigen. Nach einem Treffen beim Italiener mit Steffen, Katrin (Taxe), Astrid und mir stand ein Plan, der uns richtig gut erschien. Zwischendurch sah es so aus, dass wir noch mal ändern müssen. Aber dann konnte doch alles beim Alten bleiben.

 

Am Freitag fand die Startnummernausgabe einschließlich Pasta Party und Briefing im Ramada Hotel am Alex statt. Das Essen war sehr lecker, die Getränke leider sehr teuer. Das Briefing wollten wir erst schwänzen, dachten doch, wir wüssten alles. Wir gingen dann doch hin und es war wirklich interessant.

 

Am Samstag machten wir uns gleich nach dem Aufstehen zum Verpflegungspunkt 3 (km 21) auf, wo wir unseren Startläufer Thomas, der um 7:00h gestartet war, ab 9:00 Uhr erwarteten. Der km21 befand sich auf dem Postenweg nur 100m entfernt von meinem Elternhaus, wo ich aufwuchs.

 

Ich bin mit Blick auf den Grenzübergang Sonnenallee und die Grenzanlagen groß geworden. Es war normal, dass ich morgens dadurch aufwachte, dass die Grenzer beim Schichtwechsel ihre Gewehre luden oder entluden. Manchmal – zum Glück sehr selten – hörte man nachts auch Schüsse. Mein Meerschweinchen war ein Republikflüchtling und verschwand beim Auslauf unter dem Zaun der Grenzanlage. Aber ich durfte es zurückholen. Die Grenzer schauten manchmal mit dem Fernglas in unsere Fenster. Wir Kinder hielten es für eine Mutprobe, als ein Freund die Elektrodrähte am Grenzzaun zusammendrückte und dadurch einen Alarm auslöste oder wenn wir versuchten, uns im Gebüsch „unbemerkt“ so dicht wie möglich an den Grenzposten an der Baumschulenbrücke heranzurobben. Als Kind war die Grenze für mich normal. Aber als ich größer wurde, habe ich nicht verstanden, wie ein Staat dazu kommt, eine Grenze und einen Zaun zu bauen und so die Menschen einzuschließen.

 

Ich bin heute so derart dankbar, dass es die Mauer nicht mehr gibt. Ich war für die DDR nicht anpassungsfähig genug und gleichzeitig auch nicht mutig oder reif genug, wirklich etwas zu tun. Und ich hätte meinen Bernd nie kennenlernen können.

 

Deshalb war es ein Bedürfnis für mich, am km21 dabeizusein.

 

Als wir zum Wechselpunkt kamen, stand Regina mit einem Schild der Radiergummiliga schon da und so konnten wir sie kurz kennen lernen. Thomas war richtig schnell und kam 9:12 Uhr an. Inzwischen war auch Katrin (Taxe) eingetroffen. Wir warteten noch zusammen auf den Besenläufer und dann brachte ich Thomas und Katrin zur S-Bahn.

 

Bernd und ich waren für den Lauf ja als Schlussläufer eingeteilt und rechneten zunächst ab 22.30 h und später, als sich herausstellte, dass unsere Staffel viel schneller als berechnet ist, ab 21.30h mit unserem Einsatz. Wir fuhren nach Hause, frühstückten ausgiebig und bei Beobachtung der Live-Ergebnisse. Das war spannend.

 

Unsere Verabredung für den Nachmittag war leider abgesagt worden. So sind wir nur eine lange Runde mit Maika gegangen, haben gefaulenzt und immer schön die Live-Ergebnisse beobachtet und in die WhatsApp-Gruppe und das Forum übertragen.

 

Unsere Staffel lief super schnell und reibungslos. Toll, dass alle gesund waren und pünktlich am Start. Es hat mir richtig Spaß gemacht, das am PC zu beobachten. Ein bisschen Bange hatte ich wegen Regina und Kerstin – weil wir ja nicht wirklich mit ihnen hätten kommunizieren können. Aber es war alles perfekt.

 

Bernds Wechselpunkt war beim VP21 (km 128) – für uns auch 40km zu fahren. Wir machten uns also rechtzeitig auf den Weg und waren dann auch eine Stunde zu früh da. Kein Problem, wir können Zeit immer mit Hundespaziergängen überbrücken. Dann kam Jeanette aber zu der von uns berechneten frühestmöglichen Zeit an, Bernd war noch gar nicht richtig fertig. Schnell die Jacke aus, den Chip dran und los gings.

 

Ich machte mich auch auf den Weg zu unserem Wechselpunkt bei VP 25 (km 149). Auf dem Weg wurde mir klar, dass ich ja unheimlich viel Zeit habe und ihn eigentlich an der Strecke besuchen könnte. Ich suchte mir dann den Naturschutzturm VP23 (km 139) aus und fuhr mit dem Auto so dicht wie möglich ran. Aber dieser ehemalige Wachturm liegt mitten im Wald und als ich das Auto am Ende eines Gewerbegebietes abstellte, war es finster. Wie hätte ich zum Turm finden sollen?

 

Hinter mir parkte aber auch gerade ein Auto ein und ich fragte die aussteigende Frau, wo dieser Turm wohl ist. Es stellte sich heraus, dass sie vom Oranienburger Generalanzeiger ist und auch zum Turm will, um über die Veranstaltung zu berichten. Perfekt – Karla Kolumna kannte den Weg und ich hatte eine Lampe. Es waren etwa 300m durch den Wald, dann kamen wir auf den Mauerweg und zum Turm. Ich wartete etwa 30min dort auf Bernd – etwas lange, wie mir schien – und die Reporterin fragte mich inzwischen ein bisschen aus und machte, als Bernd um 21:45h kam, ein paar Fotos.

 

Bernd hatte sich verlaufen, daher die Verspätung. Er hatte es nun aber eilig und schwupp, war er weg.

 

Ich ging zurück zum Auto und machte mich auf den Weg zum VP25 (km149), unserem Wechselpunkt. Der lag auf einer Landstraße und so gab es keine richtige Adresse für das Navi. Ich hatte die nächstmögliche Hausnummer an der Straße ins Navi eingegeben und wusste, dass ich vorher am VP vorbeifahre und den VP ja dann sehen werde. Leider führte mein Navi mich von der anderen Seite an die Adresse heran und so sah alles ganz anders aus als vorher in Google Maps. Soweit man überhaupt was sehen konnte, es war stockdunkel und menschenleer. Ich hatte keine Ahnung, wo der VP sein soll und wo der Mauerweg ist und überhaupt- wie ich dieses Problem nun lösen soll. Da stieg Panik in mir auf. Und in 20min war mit Bernd zu rechnen! Nachdem ich noch hier und da falsch herumgekurvt war, kam mir diese Idee, dass ich vielleicht an der Pseudoadresse vorbeifahren muss. Jepp! Auch wenn der VP natürlich beleuchtet war, ihr glaubt gar nicht, wie spät man das bisschen Licht an der Landstraße erst sieht.

 

Schnell umgezogen, was getrunken und 5min später war Bernd da. Noch kurze Nachricht an die WhattsApp Gruppe und ich war unterwegs.

 

Meine Strecke führte zuerst auf dem Mauerweg entlang und zwei Mal überholte ich Einzelläufer. Ich konnte gerade erahnen, dass rechts und links Feld und Wiese sind. Ansonsten sah ich im Licht der Kopflampe nur 5m voraus. Die Streckenführung war aber durch die Bodenpfeile und die blauen reflektierenden Pfeile gut zu erkennen. Bald kam ich ins Stadtgebiet, musste hier und da eine Straße überqueren und schon war ich am VP26 (km 156). Dort geleitete der Helfer mich über die Straße und nun ging es auf einem schmalen unbeleuchteten Weg zwischen Bahngleisen rechts und Fabrikgelände links weiter. Als einmal Fußgänger vor mir waren, bemerkte ich das nur, weil sie redeten. Sehen konnte ich sie ja erst, als ich fast vorbei war. Diese Strecke war recht gruselig aber dadurch auch spannend. Wer keine Krimis im Fernsehen anschaut, muss sich ja woanders den Kick holen! Der Weg war aber irgendwann zu Ende und dann war es wieder beleuchtet. Schon kam ich am VP27 (km158) an, wo Bernd auf mich wartete und mir Maika übergab, die nun mit mir lief. Das war dann aber auch anstrengend, denn es waren viele Pfützen auf dem Sandweg, die ich erst im letzten Moment sah (ach ja, es war doch wieder finster) und dann blitzartig versuchen musste, sowohl meine als auch Maikas Richtung zu ändern. Danach aber liefen wir nur noch auf beleuchteten Gehwegen entlang und kamen nun zum Ziel. Noch eine Runde auf der roten Tartanbahn und dann kamen uns auch schon unsere Staffelläufer entgegen und wir liefen um 00:12 h zusammen ins Ziel. Das war richtig toll.

 

Wir machten Fotos und dann kam Kerstin und bedankte sich bei jedem mit einer Rose, weil ihr die Staffel den Spaß am Sport zurückgegeben hat. Wow. Benni – der Einzelläufer – war schon seit Stunden dort, unglaublich!

 

Ich zog mich um und dann gab es ein Sektchen, Finisher-Bier und ein paar belegte Brötchen. Wir warteten noch ca. 90 min auf die 4er-Staffel. Aber mir wurde dann so kalt, dass ich fürchtete, mich zu erkälten und wir fuhren dann nach Hause. Um 2:45h waren wir im Bett.

 

Das Letzte und das Erste, woran ich beim Einschlafen und Aufwachen dachte, war, dass Carmen und Thomas (vermeintlich oder tatsächlich) immer noch unterwegs waren. Unvorstellbar für mich, so lange unterwegs zu sein.

 

Am Sonntag um 14h fand die Siegerehrung im Ramada-Hotel statt. Es wurde ein Dokumentarfilm über Peter Fechter gezeigt, dem der diesjährige Lauf gewidmet war. Zusammen mit der Ansprache von Rainer Eppelmann und der Anwesenheit der Mutter von Chris Gueffroy (einem der letzten Opfer der Grenze) war das sehr bewegend. Ich fand toll, dass die Urkunden und Medaillen von den Beiden mit übergeben wurden. 

 

Es war ein sehr aufregendes Wochenende und ich freue mich richtig doll, dass ich dabei war.

 

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© berlin-runner Katrin