100 Meilen Mauerweglauf 13./14.08.2016

Das Training war sehr gut, alle wichtigen Trainingsläufe absolviert. In Vorbereitung war Bernd folgende Wettkämpfe gelaufen: 51 km Harzquerung, 72 km Elm-Supertrail, 100km Thüringer Ultra, zusätzlich natürlich Trainingsläufe dafür. Und als Abschluss 4 Wochen vor dem Start 3 x 55 km an aufeinanderfolgenden Tagen.

 

Bernd hatte gute Hoffnung, bei perfekten Bedingungen die 160 Meilen unter 24h zu laufen. Es gab sogar die Anfrage einer Fernsehjournalistin, darüber eine Reportage zu drehen. Bernd wollte sich lieber ganz auf sich konzentrieren und sagte lieber nicht zu.

 

Die Wettervorhersage war sehr gut, tagsüber max. 26 Grad, Sonne und Wolken, nachts min. 15 Grad, kein Regen. Etwas warm, aber man kann nicht alles haben.

 

Am Donnerstag, 2 Tage vor dem Lauf, die Katastrophe: sehr starke Bauchkrämpfe, er musste sich übergeben, konnte kaum gerade gehen. Nun gab es nur noch Kamillentee und Haferflocken. Nicht gerade das gewünschte Carboloading. Bernd meinte, er könne trotzdem starten. Ich glaubte das nicht und schon gar nicht, dass er auch finishen könnte.

 

Am Freitag war es besser, aber nicht viel. Weiterhin kaum gegessen. Bei der Startnummernausgabe trafen wir unsere Freundin Jeanine aus München, die zum ersten Mal dabei war. Die Pastaparty war wieder sehr gut organisiert, aber Bernd drückte der Magen und mich die Sorgen. Er aß nur Nudeln ohne Sauce, mit ein bisschen Parmesan, hat sie aber nicht gut vertragen.

 

Im Briefing wurden die diesjährigen Besonderheiten und die Highlights dieses Jahres verkündet. Am Brandenburger Tor war eine Mauer aus Holzziegeln aufgebaut, dort sollte sich jeder Läufer einen Ziegel wegnehmen und durchs Tor tragen. Also die Mauer weglaufen. Tolle Idee! Am km 59 wurde dem Maueropfer Karl-Heinz Kube gedacht, indem Kärtchen mit Wünschen und Gedanken an Heliumballons gehängt wurden. Auch toll!

 

Zu Hause mussten wir noch ein bisschen packen und waren um 22h im Bett. Bernd konnte recht gut schlafen mit seiner Heizdecke auf dem Bauch. Ich konnte das schön beobachten, ich schlief fast gar nicht. Um 3:45h klingelte der Wecker. Bernd meinte immer noch, dass er starten wolle. Das würde sich weglaufen. Ich sah aber daran, wie er sich bewegte, dass es ihm nicht gut geht. Zum Frühstück gab es Haferflocken, was sonst.

 

Ich schärfte ihm noch einmal ein, dass er unterwegs nichts Fettes essen soll und möglichst kein Obst. Lieber Gels nehmen, das hatte er inzwischen ausprobiert. Wenn es gibt, Kartoffeln. Auch Salzstangen. Nur Wasser und Iso trinken. Keine Cola, kein Bier, keinen Kaffee. Wenn wir uns an der Strecke treffen, habe ich Haferbrei, Hafergetränk und Kartoffelbrei dabei.

Der Samstagmorgen war schön mild, kein Frieren am Start. Jeanine war auch pünktlich da. Noch ein paar Fotos, schon ging es los. Man sah Bernd nichts an, er sah fröhlich aus. Vor Jeanine und Bernd lief - Joey Kelly.

 

Ich fuhr zum Brandenburger Tor, VP1, km 7. Dort stand tatsächlich die Holzziegelmauer und die Helfer waren voll gespannter Erwartung. Die Mauer war am Freitag aufgebaut und über Nacht bewacht worden. Dann kamen die ersten Läufer und dann immer mehr, jeder nahm einen Ziegel und baute damit die Mauer ab. Mancher vergaß es, dann riefen Helfer und Zuschauer laut: „die Mauer muss weg“ und der Läufer kehrte nochmal um. Es war wirklich emotional. Jeanine und Bernd kamen auch bald, beide sahen frisch aus. Auch sie nahmen Ihren Stein mit durchs Brandenburger Tor. Die Ziegel selbst sollte man sich bei der Siegerehrung als Erinnerung mitnehmen können.

 

Ich fuhr das Auto dann zum Stadion und mit der Bahn nach Hause. Bei km36 Buckow VP6 wollte ich mit dem Rad etwa 10km mitfahren. Am Brandenburger Tor hatte ich gemerkt, dass Bernd seine Kompressionsstrümpfe vergessen hatte, die brachte ich dann mit.

 

Um 10:45h kam Bernd auch wie erwartet am VP6 an, Jeanine sah ich nicht, sie war weiter vorn. Mit einem Schnitt von 7:48 min/km war Bernd bereits dort zu langsam für eine Zielzeit von 24h, aber was machte das schon. Dass er überhaupt lief, war großes Kino und unglaublich. Das Anziehen der Kompressionsstrümpfe und Wechseln der Socken (er hatte von den Gamaschen eine aufgescheuerte Stelle am Sprunggelenk, die ersten Socken waren zu kurz) dauerte etwas, er aß noch Kartoffelbrei, los ging es.

 

Es waren schöne 10km, mal unterhielten wir uns, mal nicht. Es waren noch viele Läufer um uns herum und so war es nicht langweilig. Bei km43 stand Irmchen am Gartentor, ich hatte sie kurz vorher angerufen, dass wir gleich kommen. Bei km46 VP 8, 12:15h, trennten wir uns vorerst. Bernd lief gut, sein Problem war ihm nicht anzumerken. Inzwischen schloss ich auch nicht mehr aus, dass er finishen könnte.

 

Ich fuhr nach Hause, schlief eine Stunde (länger konnte ich nicht, aber immerhin), packte Sachen, kochte Tee und Kartoffelbrei, telefonierte mit den Verwandten und auch mit Bernd und beobachtete im Internet sein Fortkommen. Um 18h - Bernd war etwa beim km82 - telefonierten wir noch einmal und ich fragte, ob ich tatsächlich mit dem Rad kommen soll oder ihn lieber mit dem Auto abholen. Nö, er zieht das jetzt durch, kein Auto. Super!

 

Ich fuhr nach Spandau und traf bei km 107 (Brunsbütteler Damm) auf die Strecke. Von da fuhr ich Bernd entgegen. Bei km 105 traf ich Steffen, der eine Staffelläuferin auf dem Rad begleitete. Bei km 100 traf ich Jeanine und kurz darauf kam Joey Kelly. Jeanine wirkte frisch und war guter Dinge. Joey Kelly sah angestrengt aus und so, als wollte er seine Ruhe haben.

 

Gegen 20:30h traf ich am VP 16 Pagel km 98 ein und dort waren schon Petra und Thomas, um Bernd anzufeuern. Toll! Anders als im letzten Jahr, wo wir drei bei km 110 etwa 2h bis Mitternacht auf Bernd warteten, weil er sich verlaufen hatte, kam er diesmal bereits nach 3 Minuten! Kleine Pause, etwas quatschen, Bernd nimmt Malzbier und Melone und meint, er verträgt das, Warnweste und Stirnband an und um 20:45h geht’s für uns beide los.

 

Zum VP 17 geht es recht zügig, dort treffen wir noch einmal auf Petra und Thomas. Dann wird das Tempo doch langsamer. Am VP 18 km 110 um 23:16h wechselt Bernd - mit meiner Hilfe - die Schuhe. Das alte Problem - die Sohlen sind heiß und brennen, ist aufgetreten. Beim Schuhe aus- und anziehen kommen dann Wadenkrämpfe dazu. Bernd nimmt wieder Malzbier und Melone am VP. Heidi und Rosi wollten zum km 129 jubeln kommen, das wird zu spät, ich sage ab.

 

Jetzt folgt eine lange einsame Strecke durch dunklen Wald. Am VP 19 km 115 um 00:50h wechselt Bernd wieder zurück in die alten Schuhe. Das dauert alles und die Pausen werden länger. Dass er aber überhaupt noch im Rennen und unterwegs ist, unglaubliche Leistung!

Nach weiteren endlosen 7,5km durch finsteren Wald kommen wir um 2:35h zum VP 20 km 123. Bernd ist nicht gut, er fühlt sich schlapp, würde gern länger bleiben aber es gibt nur einen Stuhl. Wir beschließen, zum VP 21weiterzulaufen, dort gibt es die Wechselsachen und vielleicht Liegen.

 

Angekommen beim VP 21 Ruderclub km 128, Bernd ist schlecht, er hat Magenkrämpfe, legt sich im Sanizelt auf eine Liege und schläft sofort tief ein. Die letzte freie Liege, auf den anderen 5 Liegen schlafen schon welche. An dem VP treffen wir Beate, sie hilft hier und wartet auf ihren Einsatz als Besenläufer. Der Besen ist knapp 2h hinter uns. Nach 15 min wecke ich Bernd, er muss entscheiden: Weiterschlafen? Nach Hause gehen? Weiterlaufen? - Weiterlaufen! Nach dem Schläfchen fühlt er sich wie neu. Er wechselt das Shirt, nimmt etwas Kamillentee und Hafergetränk und versucht, wieder ins Laufen zu kommen. Es ist 04:14h. Hilfe, die Zeit verrennt nur so! Bei km 129 um 04:30h, an der Abbiegung in den Wald stehen Rosi - Bernds Schwester - und Marianne! Seit Stunden uns mitten in der Nacht! Unfassbar! Sie wurden kurz geherzt und gedrückt, viel Zeit können wir uns nicht lassen, weiter.

 

Jetzt laufen wir eine lange Strecke auf dem Mauerstreifen durch Wald und Heide. Bei VP 22 Frohnau km 132, 05:00h, setzt Bernd sich nur kurz hin und lässt das Essen und Trinken wegen der Magenprobleme aus. Die Dämmerung setzt ein und damit ein ganz neues Lebensgefühl. Die Welt wird wieder größer, man sieht nicht nur, was die Stirnlampe hergibt.

 

Mit geht’s die ganze Zeit gut dabei. Nach so vielen Stunden und beim so langsam fahren ist die Beherrschung des Rades jetzt manchmal etwas ungelenk, aber sonst ist alles prima. Der Hintern, die Arme und Hände schmerzen immer wieder mal, einfach nicht dran denken. Mein linker Fuß, der eine Streßfraktur hat (wie sich Anfang Oktober anhand eines MRT-Bildes dann bestätigt), lässt mich beim Radfahren zum Glück in Ruhe.

 

Es folgen lange 7km bis zum VP 23 Naturschutzturm km 139. Es gibt für mich Kaffee und Milch (Bernd darf nicht, der Ärmste) und einen Wasserhahn zum Händewaschen. Eine Wohltat. Bernd legt sich noch einmal hin, nach 15 min wecke ich ihn wieder.

Ein letztes Stück durch den Wald, dann geht’s hinein nach Hermsdorf. Sonntag 07.00h - die Straßen sind menschenleer. Die Strecke ist sehr gut gekennzeichnet, wenn man aufpasst, ist Verlaufen unmöglich.VP24, VP25, Bernd setzt sich kurz hin, trinkt den letzten Kamillentee, etwas Hafergetränk, weiter. Seit km100, also seit 50km, brauchen wir 14min/km - das kommt schnell zusammen, wenn langsam gelaufen und immer ein kleines bisschen Pause gemacht. wird. Es besteht aber keine Gefahr, vom Besenläufer überholt zu werden, also ist es ja egal. Die Sonne scheint jetzt wärmer, wir ziehen wieder kurze Oberteile an.

 

Bei km 150 kommt uns unsere Lauffreundin Taxe auf dem Rad entgegen und fährt mit. Zuerst sind wir etwas überfordert damit - irgendwie ist alles schon etwas viel, wir wollen eigentlich in Ruhe gelassen werden. Aber Taxe ist sehr feinfühlig und dann quatschen wir doch, Bernd hört uns zu und das lenkt ab. VP26 km156 09:36h, kurz hinsetzen, weiter, noch 5km! VP27 km158, der allerletzte VP. Bernd macht etwas längere Pause, er hat Zeit. Ich massiere seine Beine. Noch 3km!

 

Um 11:03h dann Zieleinlauf nach 29:03:33h! Bernd hat das Unmögliche geschafft, so krank wie er ist und auch noch die nächsten Tage sein wird. Er hat ein kleines Empfangskomitee, Lauffreund Tom ist im Stadion, wir drei bejubeln Bernd.

 

Leider und aus unerklärlichen Gründen wurden die Beutel mit den Wechselsachen bereits weggefahren - ins Hotel Ramada, wo die Siegerehrung stattfindet. Zielschluss ist doch erst in einer Stunde! Keine trockenen Sachen, keine anderen Schuhe, kein Handtuch zum Duschen

für die Helden? Zum Glück hatte ich Sachen von mir im Auto, die Bernd anziehen konnte. Nur keine Schuhe. Dabei taten ihm die Füße doch schon lange weh.

 

Bernd brauchte lange beim Duschen, dann gab es sehr leckere Suppe aus der Gulaschkanone. Sogar Bernd hat sie vertragen. Es war dann gar nicht mehr so lange Zeit bis zur Siegerehrung im Ramada. Rainer Eppelmann und Karin Gueffroy waren wieder dabei, ebenso Innen- und Sportsenator Henkel. Hr. Eppelmann sprach sehr bewegend, aber ansonsten gab es leider keine weitere Erinnerung an die Mauer, keinen Film. Deshalb war die Siegerehrung nicht so emotional wie in den Vorjahren.

 

Wir trafen nun auch Jeanine wieder, sie hat ihren Lauf auch gefinisht in der großartigen Zeit von 25:29:02h! Wir unterhielten uns noch eine Weile und fuhren dann bald nach Hause. Um 18:30h waren wir im Bett. Nach 39 Stunden (fast) ohne Schlaf schlief ich tief und fest 11 Stunden lang, Bernd sogar noch länger.

 

Es hat Spaß gemacht und Bernd ist richtig doll zufrieden, dass er das geschafft hat.    

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© berlin-runner Katrin